Resolution zu Sorgearbeit/Care

Deutschland befindet sich in einer Krise der Sorgearbeit und gleichzeitig in einer weltweiten ökologischen Krise. Beide Krisen hängen zusammen. Das gegenwärtige Wirtschaftsmodell bedient sich der unentgeltlich geleisteten Sorgearbeit und der Natur als unsichtbare, vermeintlich unerschöpfliche Ressource, ohne Rücksicht auf zukünftige Generationen. Sorgearbeit, auf Englisch „Care“, bedeutet: Für jemanden oder sich selbst sorgen, jemanden versorgen, vorsorgen. Care geschieht überall und meint die Versorgung aller Geschöpfe, insbesondere von Jungen, Alten und von Hilfsbedürftigen.

Die Versorgung von Menschen in bezahlter und unbezahlter Form ist nicht mehr ausreichend in menschenwürdiger Weise gewährleistet. Unmenschliche Zeittaktungen in der Pflege und fehlende Zeit für Kinder und Alte sind Realität (8. Familienbericht der Bundesregierung). Die gesellschaftliche Verantwortung für Sorgearbeit wird individualisiert und lastet vorwiegend auf dem Rücken von Frauen. Die Zahl der Frauen, die aufgrund familiärer Belastung an Erschöpfungssymptomen leiden, steigt seit Jahren. Ebenso sind es meist Frauen, die durch unbezahlte Sorgearbeit finanzielle Nachteile bis hin zur Altersarmut tragen. Durch die Verlagerung von Sorgetätigkeiten auf Migrantinnen und Ost-Europäerinnen wird das Problem in andere Länder verschoben, dort wiederum bleiben Kinder und Alte unversorgt zurück. Eine radikale Änderung von Werten und Bildern ist nötig. Die gegenwärtigen Maßnahmen der Regierung, (z.B. das neue Pflegegesetz oder das Elterngeld Plus) sind nicht geeignet, die Care-Krise zu überwinden und das notwendige gesamtgesellschaftliche Umdenken herbeizuführen.

Die Frauensynode der Nordkirche stellt folgende Forderungen

  • Wir fordern eine Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit auf alle Geschlechter. Dies muss durch Anreize gefördert werden.
  • Die finanzielle Ausstattung von Menschen in sorgenden Tätigkeiten ist gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Es muss gewährleistet sein, dass Sorgearbeit nach individuellem Bedarf geleistet werden kann. Wer im Privaten sorgen und pflegen will soll ebenso bezahlt und abgesichert sein, wie erwerbstätig Sorgende. Die finanzielle Grundlage hierfür kann, wie in Skandinavien, aus Steuern auf alle Einkommensarten geschaffen werden.
  • Arbeitsbedingungen und Bezahlung von Menschen, die professionell sorgen, sind zu verbessern. Sorge ist keine Ware. Mit dem Versorgen von abhängigen Menschen dürfen weder Profite erwirtschaftet werden, noch darf diese Arbeit der Zeittaktung unterliegen. Wir fordern eine entsprechende Infrastruktur für alle Formen von Care (professionell, privat oder in einer Kombination aus beidem), so dass Sorge zugewandt und ohne Zeittaktungsdruck geschehen kann.
  • Wir fordern eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle, bei finanzieller Absicherung, damit mehr Zeit für Sorgearbeit/Care und nachhaltiges Handeln bleibt.
  • Wir fordern die Politik und die Nordkirche auf, sich mit der Zukunft von Care zu befassen und dieses und die Sorge um die Natur in einen breiten öffentlichen Diskurs einzubringen.

Diese Forderungen basieren auf unserem christlichen Menschenbild: Arbeit gehört aus biblischer Sicht zum Menschen. Sie ist nicht ausschließlich Erwerbsarbeit, sondern umfassender zu verstehen. Im paulinischen Denken wird der dienende, fürsorgende Charakter aller Tätigkeiten hervorgehoben (1. Korinther 12). Hier gibt es keine Trennung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Keine Arbeit darf zur Ausbeutung führen (Jesaja 65).
Grundlegend ist, dass wir als abhängige Wesen geschaffen sind und in Beziehung leben. Menschen sorgen sich um andere und erfahren selbst Fürsorge und Versorgung. In dieser Bezogenheit übernehmen alle, für sich und andere, anteilnehmend und vorausschauend Verantwortung. Eine absolute Autonomie des Menschen gibt es nicht, Freiheit gibt es nur in Beziehung.
In Anlehnung an die Theologie der Geburtlichkeit (Ina Praetorius) ist es wichtig, die Bedürfnisse allen Lebens auf der Erde zu achten. Schöpfungstheologisch sind wir Menschen Teil der Natur und stehen mit dieser in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Die Frage nach der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist daher neu zu stellen. Verantwortlich leben mit Menschen und Natur bedeutet, in sorgender Beziehung zu anderen Menschen, zu zukünftigen Generationen sowie Pflanzen und Tieren zu sein und das Gewordene zu achten.

Wir setzen uns kritisch mit dem vorherrschenden Menschen- und Weltbild auseinander, das den Menschen autonom als Beherrscher der Natur, als fortschrittsgläubigen, rational handelnden Egoisten definiert. Das Paradigma, dass das nutzenorientierte Streben nach eigenem Wohlstand im gegenseitigen Wettbewerb dem Gemeinwohl dient (Adam Smith), erweist sich als Sackgasse. In diesem Denken werden Sorgearbeit und die reproduktiven Leistungen der Natur ausgeblendet (Adelheid Biesecker et al.) Durch unsere Wirtschaftsweise haben wir in nur 200 Jahren Ressourcen verbraucht, die die Natur in Jahrmillionen geschaffen hat. Wir haben die Artenvielfalt reduziert. Damit Menschen, Tiere und Pflanzen auch in Zukunft existieren können, muss der rücksichtslose, ausbeuterische Umgang mit der Natur, der nur das Jetzt im Blick hat, aufhören. Das Verhältnis von Mensch und Natur sowie von Sorge- und Erwerbsarbeit muss neu gedacht und gelebt werden. Im öffentlichen Bewusstsein, in den Medien und in der ökonomischen Theorie, Forschung und Lehre muss sich Sorgearbeit/Care als Basis allen Wirtschaftens stärker abbilden.

Wir verstehen diese Resolution als einen Beitrag zum Diskurs über Sorgearbeit/Care und fordern Politik und Nordkirche auf, hier Verantwortung zu übernehmen.

Frauensynode der Nordkirche
Büsum, 15. Februar 2015
Diese Resolution wurde einstimmig beschlossen

Die Frauensynode der Nordkirche mit Delegierten aus Kirchenkreisen, Gemeinden und Diensten und Werken in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern tagt zweimal im Jahr und berät frauen-, gesellschafts- und kirchenpolitische Themen. Die Frauensynode wird von einem ehrenamtlichen Vorstand geleitet: Anne Riekenberg-Heinrich, Vorsitzende (Sarkwitz), Hilde Credo (Flensburg), Karin Kluck (Hamburg).

Kontakt Frauenwerk der Nordkirche, Gartenstr. 20, 24103 Kiel, 0431 55 779 100, info@frauenwerk.nordkirche.de, www.frauenwerk.nordkirche.de

Resolution zu Sorgearbeit/Care

Jetzt unterzeichnen

Iris Schönhoff, Monika Lorengel, Frauenwerk der Nordkirche Julia Lersch, Frauenwerk der Nordkirche Inka Schütt, Hauptbereich 5 Frauen, Männer, Jugend Anne Riekenberg-Heinrich, Frauensynode Nordkirche Susanne Sengstock, Frauenwerk der Nordkirche Katja Hose, Referentin für Frauenarbeit im Kirchenkreis Dithmarschen Kirsten Voß, Hauptberich Frauen, Männer, Jugend Antje Reichel-Möller, Frauenwerk Altholstein Sabine Thomas, Waltraud Waidelich, Frauenwerk der Nordkirche Helga Harder, Synodaler Ausschuß für Frauenarbeit im Kirchenkreis Dithmarschen A. Sabine Gaul, RTI Annette Janssen, Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost Annette von Stritzky, Ulrike Koertge , Frauenwerk der Nordkirche Britta Jordan, Evangelische Frauenarbeit in Nordfriesland gunvor dlubatz, Birgit Maschke, Magdalena Drexel, Stadt Wedel Gisela Peschel, Christina Kirchmann, Kristin Flach-Köhler, Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V. Barbara Reschka, Ruthild Scheffler-Kroeker, Mennonitengemeinde,ökm. WGT Barbara Riethmueller, www.wir-pflegen.net Margarete Dr. Reinhart, Ingrid Ellerbrock, Frauenwerk d. Nordkirche vera wiehenkamp, Claudia Hansen, Kirchenkreis Nordfriesland Michaela Will, Frauenwerk Hamburg-West/Südholstein Sylvia Giesecke, Ausschuss für die Arbeit mit Frauen in den Kirchenkreisen Mecklenburg und Pommern



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